Karl Ernst von Baer (1792-1876)
Entdecker der Eizelle von Säuger und Mensch
Karl Ernst von Baer (Karl Maksimovich) wurde am 28. Februar 1792 auf dem
Gut Piep (Piibe) im Bezirk Järvamaa (Estland) geboren. Er wurde in
eine wohlhabende Familie geboren, sein Vater, Magnus von Baer, war der Besitzer
vom Gut Piep und "Oberritter des Ordens der Ritter von Estonia" (Knight
Commander of the Order of the Knights of Estonia), seine Mutter Vaters Cousine
Juliane von Baer.Die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte Baer auf
dem Gut Lassila (Lasila), das seinem Onkel Karl Heinrich von Baer gehörte.
Mit 16 Jahren begann er sein Studium an der Kathedrals-Schule in Reval
(Tallinn), wo er bis 1810 lernte. Danach begann er ein Medizinstudium
an der Universität Dorpat. Sein Interesse galt besonders den Vorlesungen
von Karl Friedrich Burdach, einem deutschen Anatomen und Physiologen aus
Leipzig. Sein Medizinstudium schloss Baer 1814 mit einer Doktorarbeit
ab, die den Titel trug De morbis inter esthonos endemicis (Über endemisch-estonische
Krankheiten). Diese Arbeit untersuchte die Krankheiten, die in Estland
mit den Lebensbedingungen, Ernährung und persönlichen Charaktereigenschaften
der Estländer zusammenhängen.
1814 setzte er seine Studien ein Jahr in Wien und danach ein Jahr in
Würzburg unter der wissenschaftlichen Betreuung des Anatomen Ignaz
Döllinger (1770-1841) fort. Dort eignete er sich Fertigkeiten im
Sezieren und Präparieren an und begann sich vor allem für Anatomie
und Entwicklungsfragen zu interessieren.
1816 lud sein ehemaliger Lehrer Burdach Karl von Baer nach Königsberg
ein. Baer nahm die Stelle eines Prosektors an und wurde habilitierte an
der Universität Königsberg.
1819 heiratet Karl Ernst von Baer Auguste von Medem. Aus dieser Verbindung
gingen sechs Kinder hervor.
Im glechen Jahr wurde er zum ausserordentlichen Professor gewählt,
zwei Jahre später erhielt er das Ordinariat für Zoologie. Später
(1826) übernahm von Baer auch noch das Ordinariat für Anatomie.
Karl Ernst von Baer nahm regen Anteil am Sozialleben in Preussen. Von
1821 an war er Direktor des Zoologischen Museums von Königsburg,
das er selber ins Leben gerufen hatte.
Es war auch in Königsburg, wo Baer neben Forschung in Anatomie mit
seinen embryologischen Studien bei Tieren begann. Er führte Arbeiten
seines Fachkollegen Christian Heinrich Pander (1794-1865) aus Riga, der
1817 die Organe des Hühnchen-Embryos von den Keimblättern abgeleitet
hatte, fort, untersuchte auch die Entwicklung von Fischen, Amphibien,
Reptilien und Säugern. Dabei entdeckte er die Blastula, ein wichtiges
Stadium in der Entwicklung, untersuchte die Chorda (Notochord) und die
Embryonalhüllen und Keimschichten.
1826 entdeckte von Baer die Eizelle von Säugern und des Menschen.
Er publizierte diese zentrale Entdeckung ein Jahr später (De ovi
mammalium et hominis genesi. Lipsiae, 1827).
Mit seiner grossen Erfahrung und Übersicht konnte er zeigen, dass
die Embryonalentwicklung der Tiere von generellen Formen und Eigenheiten
zu differenzierten, arttypischen Eigenheiten fortschreitet. Diese Entdeckung
ist heute unter dem Begriff Baersche Regel (Gesetz der Embryonenähnlichkeit)
bekannt.
Mit seiner Monografie "Über Entwickelungsgeschichte der Thiere"
Bd. I-II. Königsberg, 1828, 1837 (der letzte Band wurde von L. Stieda
aus Königsberg 1888 posthum zusammengestellt), die seine Entwicklungsarbeiten
zusammenfassten, legte er den Grundstein zu einer Vergleichenden und Beschreibenden
Embryologie.
Auf der Grundlage seiner Arbeiten präsentiere von Baer eine Theorie
der Typen, die von der Cuviers abwich.Die Zeitgenossen von Ernst von Baer
erkannten die Bedeutung seiner Forschung nicht. die erfolglosen Versuche,
Geld für seine Projekte aufzutreiben (z.B. für Expeditionen)
brachten von Baer in eine physische Krise.
1830 arbeitete von Baer für eine kurze Zeit an der Petersburger
Akademie der Wissenschaften als Direktor des Zoologischen Museums. Aber
noch im selben Jahr kehrte er zurück nach Königsberg.1834 reiste
Karl von Baer erneut nach St. Petersburg, wo er an der Akademie zuerst
als Zoologe (1834-46), dann als Vergleichender Anatom und Physiologe (1846-62)
wirkte. Als Karl von Baer 1862 zum Berater in den Dienst des Ministeriums
für Erziehung berufen wurde, bemühte er sich um die Situation
an Schulen in Russland.
Karl von Baer hat sich nicht nur in der Embryologie verdient gemacht.
Seine Forschungen in St. Petersburg erstreckten sich auch auf Gebiete
der Geografie, Ökologie und Anthropologie. Mit einer Expedition nach
Novaya Zemlya im Jahre 1837 legte er den Grundstein für die ökologische
Forschung in Russland. Baer untersuchte Spuren der Eiszeit an der Südküste
von Finnland (1838-39). Als erster machte er auf die Bedeutung des sibirischen
Permafrostes aufmerksam. In Zusammenarbeit mit F.v. Wrangell und F. Lütke
bewirkte Karl von Baer, dass in Russland eine Geografische Gesellschaft
gegründet wurde, die sich dann vor allem auch mit ganz praktischen
Fragestellungen wie die Fischerei auseinandersetzte. Auf sechs Expeditionen
zum Peipsi-See, der nördlichen Küste des Baltischen Meeres,
Schweden und Finnland (1851-52) untersuchte er die Fischerei und die Fischbestände.
Weitere Untersuchungen folgten am Kaspischen Meer und im Kaukasus (1853-56).
Damit wurde von Baer zum Pionier der Fischbiologie in Russland, er brachte
diese Forschung auf ein internationales Niveau. Seinen Untersuchungen
waren die Grundlage für das erste Gesetz zum Schutze der Fischbestände
in Russland (1859). Auf seinen letzten Exkursionen beobachtete Baer die
Asymmetrie der Flussufer (1856), die er auf die Erdrotation zurückführte
(Baer-Babinet Gesetz). Zusammen mit Helmersen gründete Karl von Baer
die erste Naturwissenschaftliche Zeitschrift Russlands (Beiträge
zur Kenntniss des Russischen Reiches), die zwischen 1839 und 1872 26 Bände
herausgab.
Zwischen 1858-62 arbeitete Baer wiederum vermehrt an anthropologischen
Themen und an Craniologie (Schädelkunde). Baer und A. A. Retzius
wurden Begründer der vergleichenden Schädellehre. Sie führten
ein standardisiertes System der Schädelvermessung ein. Zusammen mit
R. Wagner organisierte Baer auch den ersten Anthropologen-Kongress, den
er in Göttingen im Jahre 1861 leitete.
Die Zeitschrift "Archiv für Anthropologie" ist ebenfalls auf Baers
Initiative zurückzuführen. Seine letzten Lebensjahre (1867-76)
verbrachte Baer in Dorpat (Tartu). Er verfasste zahlreiche Artikel (mehr
als 400!) über theoretische Biologie, in denen er zum Beispiel die
Evolutionslehre von Charles Darwin kritisierte. Auch war er Mitglied von
fast 100 wissenschaftlichen Institutionen. Karl Ernst von Baer starb am
28. November 1876 in Dorpat (Tartu), Estland.
Zitate von Karl Ernst von Baer
Aus: Welche Auffassung der lebenden Natur ist die richtige? Und wie ist
diese Auffassung auf die Entomologie anzuwenden? [1860]
Reden gehalten in wissenschaftlichen Versammlungen und kleinere Aufsätze
vermischten Inhalts. Erster Theil: Reden. St. Petersburg: H. Schmitzdorff.
(p. 237-284)
In den Organismen sind die einzelnen Theile derselben nach dem Typus und
Rhythmus des zugehörigen Lebens-Processes und durch dessen Wirksamkeit
gebaut, so dass sie einem andern Lebens-Processe nicht dienen können.
Deswegen glaube ich die verschiedenen Lebens-Processe, mit musikalischen
Gedanken oder Thematen sie vergleichend, Schöpfungsgedanken nennen
zu können, die sich ihre Leiber selbst aufbauen. Was wir in der Musik
Harmonie und Melodie nennen, ist hier Typus (Zusammensein der Theile) und
Rhythmus (Aufeinanderfolge der Bildungen).
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Es ist nothwendig, (...) dass man Typus und Rhythmus des Lebens nicht
als Ergebniss des Stoffwechsels betrachte, sondern als dessen Leiter und
Lenker, wie ein Gedanke oder Psalm wohl die Worte sucht und ordnet, um sich
vernehmbar zu machen, nicht aber aus den einzelnen Wörtern nach deren
eigenem Werth und Streben erzeugt wird. Aus: Über Zielstrebigkeit
in den organischen Körpern insbesondere. [1886]
Reden gehalten in wissenschaftlichen Versammlungen und kleinere Aufsätze
vermischten Inhalts. 2ter Theil: Studien aus dem Gebiete der Naturwissenschaften.
2te Ausgabe. Braunschweig: Verlag von F. Vieweg. (p. 171-234) Ohne Zweifel
ist auch der Organismus ein mechanischer Apparat, eine Maschine, die sich
selbst aufbaut. Der Lebensprocess verläuft unter ununterbrochenen chemischen
Vorgängen; deswegen könnte man einen Organismus auch ein chemisches
Laboratorium nennen; allein er ist zugleich auch der Laborant, indem er
die für den Fortgang der chemischen Operationen notwendigen Stoffe
aus der Aussenwelt aufnimmt; kann er sie nicht haben, so hört der Lebensprocess
auf. Aus: Das allgemeinste Gesetz der Natur in aller Entwickelung.
[1864]
Reden gehalten in wissenschaftlichen Versammlungen und kleinere Aufsätze
vermischten Inhalts. Erster Theil: Reden. St. Petersburg: H. Schmitzdorff
(p. 35-74).
Die organischen Körper sind nicht nur veränderlich, sondern
die einzigen, die sich selbst verändern.
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Man könnte mit demselben Rechte aber auch sagen, es sei gar keine
Selbstbildung oder Wachstum, da jeder Moment der scheinbaren Selbstbildung
ein Moment der Zeugung ist. So also ist hier Zeugung und Selbstbildung
recht eigentlich derselbe Process, und Wachstum ist nur der allgemeinere
Ausdruck.
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Eine ganz ähnliche Stufenfolge ist in den Pflanzen, nur mit dem
Unterschiede, dass die höhern Formen fehlen, wo die Zeugung unter
dem Einflusse des Willens steht, weil der Wille und das gesammte animalische
Leben den Pflanzen abgeht. Dagegen ist das Sprossen sehr gemein.
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Jeder Theil ist ein Keim und der ganze Organismus nichts als ein Keimlager,
das mit Nothwendigkeit, wenn nicht sein Leben zerstört wird, die
gesammte Masse des Leibes in neue Individuen ausbildet, mit einziger Ausnahme
der äussern Hülle.
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So ist der Erdkörper nur das Saamenbeet, auf welchem der geistige
Erbtheil des Menschen wuchert, und die Geschichte der Natur ist nur
die Geschichte fortschreitender Siege des Geistes über den Stoff.
Das ist der Grundgedanke der Schöpfung, dem zu Gefallen, nein, zu
dessen Erreichung sie Individuen und Zeugungsreihen schwinden lässt
und die Gegenwart auf dem Gerüste einer unermesslichen Vergangenheit
erhebt.
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